Reisebericht – Wandern in Irlands Norden

Link zur Reisebeschreibung – Wanderurlaub Irlands wilder Norden


Ein Reisebericht unserer Reiseleiterin Kathleen:

“Nord bei Nordwest” – Genusswandern auf der Grünen Insel

Genossen hat man natürlich schon immer auf der Grünen Insel. Schon die frühchristlichen Mönche angelten dicke Lachse fürs Konvent, und in den hochherrschaftlichen Häusern der anglo-irischen Elite stoppte alles für den Five o‘ Clock Tea.

Wussten Sie übrigens, dass in Europa niemand so viel Tee trinkt wie die Iren?! Fast zehn Kilo pro Jahr.

Wer an irisches Essen denkt, denkt vielleicht zuerst an Irish Coffee. So herzerwärmend das Getränk ist, der „Irish Coffee“ wurde an einem eiskalten Wintertag so um 1940 auf einem westirischen Flughafen erfunden, um kältegeschüttelte Transitgäste zu wärmen.

Beim Irish Stew-Eintopf aus Hammelfleisch und Wurzelgemüse kommen wir der Sache schon näher, aber auch den werden Sie heute in den normalen irischen Haushalten wenig antreffen.

Im Haus meiner irischen Familie waren die Stars vor allem die Apple Tarts meiner Großmutter, flache gedeckte Apfelkuchen, wie auch ihr Soda Bread mit Buttermilch und die locker gebackenen Scones.

Die Rezepte dafür, in der keltisch-runenähnlichen-Handschrift ihrer Generation mit dem Briefkopf der Landwirtschafts-Show, die auf dem Familien-Grundstück stattfand, habe ich heute noch.

Ich glaube, meine Großmutter wäre stolz darauf, wie sich in nur einer Generation der Ruf der irischen Küche verbessert hat, auch wenn sie manche Foodie-Kreation sicher als „nonsense“ verdammen würde.

In den achtziger Jahren hieß “Käse” große leuchtend-orange Cheddar-Blöcke voller E-Nummern. „Wein“ war eine Flasche Liebfraumilch-Fusel, der für Besucher aus dem Wandschrank geholt und serviert wurde, allerdings in Waterford-Crystal-Gläsern vom Feinsten. Gewürze wurden praktisch nicht verwendet, Knoblauch schon gar nicht. Und Olivenöl war, in winzigen Flaschen, im Medizinschrank zu finden!

Dabei hatten die Iren immer schon einen großen Standortvorteil für die Foodie-Welle, die mit dem Keltischen Tiger in den neunziger Jahren auch über ihrem Land einbrach:

Zutaten von einer enormen Frische und Qualität nämlich. Beste Butter und Sahne von glücklichen Kühen, zartes Lamm – und Rindfleisch, wilder Lachs, kernige Kartoffeln.

Gerade im Norden sieht man zur Erntezeit Schilder entlang der Straßen wie: „New Queens Here!“, welche die „praties“ anpreisen, wie man sie hier oben liebevoll statt „potatoes“ nennt.

Eine Vaterfigur der modernen Kartoffel war Nordire, seine Farm lag am Giant’s Causeway.

Für dieses UNESCO-Weltnaturerbe nehmen wir uns auf dieser Reise so richtig Zeit: unser altehrwürdiges Hotel sitzt nämlich direkt auf der Klippe über diesem Wunderwerk der Natur!

Kartoffeln also: im 19. Jahrhundert verspeiste ein irischer Landarbeiter 6 Kilo Kartoffeln – allerdings fast nichts anderes!

So vollwertig die Erdäpfel sind, als dann die Kartoffelfäule Mitte des 19. Jahrhunderts die Ernten vernichtete, ein Jahre nach dem andern, wurde das Monopolnahrungsmittel zum Fluch. Vorsichtig geschätzt starben eine Million Iren, eine weitere verließ das Land.

Auf unseren Wanderungen sehen wir sicher auch alte Lazy Beds, „faule Beete“, Pflanzreihen in karger Erde. Bei unserer Wanderung zum Famine Museum, das die Geschichte der Kartoffel in den historischen und dramatischen Kontext setzt, laufen wir in historischen Furchen.

Die beste Vorbereitung für eine Wanderung ist natürlich ein ausgiebiges Hotelfrühstück. Und der „Ulster Fry“ aus Nordirland, wo Eier, Bohnen, Tomaten, Blutwurst – und pfannengebratenes Kartoffelbrot eine etwas unheilige Union eingehen, ist legendär.

Gedüngt wurden die Kartoffelfelder an der Küste traditionell mit Seetang. Auch „seaweed“ war lang mit dem Stigma der Armut belegt, oder wurde manchmal als heißer Drink aus der Carrageen-Alge verabreicht, ein etwas schleimiges Mittelchen gegen Halsschmerzen.

Wer jedoch die irische Küste wachen Auges und in informierter Begleitung betrachtet, wird feststellen, die Bandbreite essbarer Algen ist groß, vom leuchtend hellgrünen „Meeres-Salat“ zu den purpurfarbenen Dulse-Algen, die in getrockneter Form auch mancherorts in Tütchen verkauft werden, als Snack.

Bei unserer Strandwanderung mit einer Expertin und Pionierin des Algentrends in Irland, können wir diese ganze Palette erleben. Und erschmecken, was man alles aus dem glitschigen Gebändel machen kann! Da könnte man sich reinlegen!

Tatsächlich haben wir in unserem ersten Hotel Gelegenheit, genau das zu tun. Ein „Seaweed Bath“ ist eines der entspannendsten Erlebnisse, die man auf der Insel haben kann, in einer Badewanne mit waberndem Blasentang einfach abzuschalten, während die jodhaltigen Öle die Haut verwöhnen.

Ideen wie diese – alte Klassiker neu rauszubringen und gut zu vermarkten, das können die Iren. Und müssen sie auch.

Zum Beispiel Kleinbauern. Solang sie nicht riesengroß sind oder europäische Subventionen genießen, sind Farmer heute eine gefährdete Spezies. Der Preis für ein Lammfell bringt heutzutage nicht einmal mehr den Preis fürs Scheren ein. Sie müssen diversifizieren.

Wie unsere Gastgeber bei Donegal Town auch: Schafszüchter und Besitzer eines preisgekrönten Gourmet-Bed & Breakfasts. Andere verkaufen ihre Produkte direkt auf den farbenfrohen Farmers Markets …

Die Food-Seiten der Zeitungen stylen rustikale Gerichte auf Hochglanz. Auf immer neuen Food-Festivals werden rund ums Land Austern geschlürft und Kartoffeln bewertet, Äcker um die Wette gepflügt und frische Fische gefischt.

Die Iren haben ihren fangfrischen Fisch wiederentdeckt, nachdem er lange mit dem Stigma des fleischlosen Freitags belegt war. Und was gibt es Besseres für Fischliebhaber, als das eigene Abendessen selbst zu fangen?

So schippern wir in Begleitung eines Seebären die historische Küste direkt vor unserem ersten Hotel entlangschippern, die vor fünfhundert Jahren den Schiffe der „Unbesiegbaren“ Armada zum Verhängnis wurde. Am Wild Atlantic Way ist die Geschichte nie fern.

Heute kümmert sich die irischen Gastronomie auch mit der typischen Sympathie um Sonderwünsche: die meisten Hotels und Restaurants sind auf gluten- und laktoseintolerante Gäste eingestellt.

Selbst Vegetarier wie ich, denen in den letzten Jahren oft die ewig gleiche „Rote Zwiebel-Tarte mit-Ziegenkäse“ serviert wurde, finden immer mehr spannende Kreationen. In den gemütlichen Coffeeshops sind vegane Kuchen keine Seltenheit mehr.

Und Cappucino & Co. sind Top hier, weil die Iren guten Kaffee, oft bio und fair gehandelt, verwenden, und mit frischer Vollmilch arbeiten.

Apropos Milchprodukte: irischer Käse: das ist heute eine Palette von preisgekrönten handgemachten Laiben wie Gubbeen oder Durrus die weltweit Preise gewinnen.

Nachdem es lange mit den Zeiten des Hungers verbunden wurde, erlebt heute auch das sogenannte “foraging” eine Renaissance: die Jagd nach essbaren Wildkräutern, Pflanzen und Beeren in Feld, Wald und Wiese.

Mit meiner Tante aus Limerick kochte ich vor ein paar Jahren meine erste Marmelade ein, aus wilden Brombeeren, deren Geschmack den Regen vergessen machte.

„Heckenwandern“ ist auch die Spezialität eines sympathischen deutschen Paares, das schon seit Jahrzehnten hier in Co. Sligo lebt und ein Bio-Zentrum betreibt.

Unsere Genusswanderung mit den beiden findet im Windschatten des ikonischen Ben Bulben-Bergs statt. Hier, wo das Spiel von Sonnenstrahlen und Wolken immer neue Muster auf die Flanke des Tafelbergs zaubert, ist die spirituelle Heimat eines der größten Dichter der Insel, ja, der Welt: William Butler Yeats.

Die Galleonsfigur der europäischen Romantik und erster Literaturnobelpreisträger des Landes spricht in einem seiner meistzitierten Gedichte von den „neun Reihen Bohnen“, die er auf der Insel Inishfree anlegen wird, mit einem „Korb für die Honigbiene.“

Ein schönes Trinklied aus seiner Feder beginnt: „Wine comes in at the mouth, And love comes in at the eye …“

Auch wenn die irische Mittelklasse den guten Wein für sich entdeckt hat – und bereit ist, die hohen Steuern zu zahlen, Bier bleibt Favorit in den gemütlichen Pubs, die das Land auszeichnen. Auch hier ist Guinness längst nicht mehr Platzhirsch: immer neue Mikrobrauereien und neue Whiskey-Distillerien entstehen. Irischer Gin? Aber sicher!