Reisebericht – Portugal Rota Vicentina

Link zur Reisebeschreibung – Portugal Weitwandern Rota Vicentina


Ein Reisebericht unserer Reiseleiterin Kathleen:

„Diese Küste macht glücklich” – Unterwegs auf der Rota Vicentina

Meine erste Wanderung an der Küste des Alentejo wird mir immer im Gedächtnis bleiben:

Ein Sonntag im November, kurz nachdem ich 2006 nach Portugal gezogen war. Von Lissabon aus muss man ja nur einmal über den Fluss – “além do Tejo”. Ein paar Stunden lang liefen wir einfach die Küste entlang, Ziel war der Leuchtturm von Cabo Sardão.

Die riesigsten Wellen, die ich je gesehen hatte, schlugen an den Fuß der Klippen, die Wintersonne wärmte uns aus einem blitzblauen Himmel – und kein Mensch ist uns begegnet.

Auch wenn Wandern langsam bei der jungen Generation in Mode kommt und die Portugiesen zunehmend den Alentejo der verbauten Algarve vorziehen, der Portugiese an sich wandert sonntags nicht, er isst ausgiebig zu Mittag bei der Familie.

(Zum Essen gleich noch mehr, an dem Thema kommt man im Alentejo nicht vorbei.).

Jedenfalls: zu der Zeit gab es noch keine “Rota Vicentina”. Dieser spektakuläre wildromantische Weitwanderweg durch den Costa Vicentina-Naturpark, auf dem wir heute unterwegs sind, ist dem Einsatz eines Schweizers zu verdanken, dem Wahl- und Ehren-Alentejano Rudolfo Müller.

Manchmal trifft man den “Vater” der Rota Vicentina unterwegs, wenn er die Markierungen auffrischt, blau und grün für den “Fischerpfad”, rot und gelb für den eher inland verlaufenden, nicht weniger spannenden “Historischen Weg”.

Denn an Historie mangelt es hier wahrlich nicht. Miróbriga, das schon weit vor den Römern besiedelt war, und die Ritterburg von Santiago de Cacém, umgeben von der “Montado”-Landschaft aus beweideten Stein- und Korkeichenhainen. Lebendige Zeitgeschichte: auf den großen Latifundien des Alentejo fanden nach der Nelkenrevolution 1974 sozialistische Verstaatlichungskampagnen statt.

Auch heute noch ist der Alentejo politisch eher “rot”. Rot sind übrigens auch seine besten Weine, schwer und sinnlich, sonnendurchtränkt, mit voller Frucht. Moderne Kellertechniken bringen die sogenannten “neuen” Alentejaner hervor.

Um sich einen runden Eindruck von der ganzen Spannbreite zu verschaffen hilft nur eins: an jedem Abend gemeinsam einen anderen Tropfen ausprobieren…

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie groß diese Region ist: ein Drittel Portugals nimmt sie ein. Die Weite des Landes, oft wird sie besungen im “Cante Alentejano”.

Gerade ist der alentejanische Chorgesang zum UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen worden – ja, genau wie der viel bekanntere Fado! Auch hier ist die Liebe Thema, die Sehnsucht nach Vergangenem, der Heimat.

Für die Portugiesen ist der Alentejo auch eine mythische Größe. Allein die Gastronomie… das ikonische dichtgebackene pão alentejano mit seiner Teigmütze, das Schweinefleisch mit Muscheln, oder eine ganz simple Brotsuppe, verfeinert mit einem der besten Olivenöle des Landes.

Das beste wird gewürdigt wie Wein und mit Kork verstöpselt. Ein Drittel der Welt-Korkproduktion stammt von den Korkhainen dieser Gegend.

Man muss kein alternativer joghurtstrickender Baum-Umarmer sein, um sich unter so einem alten Baumriesen nah an der Scholle zu fühlen.

Der Baum kommt bei der Korkproduktion übrigens nicht zu Schaden. Sie werden staunen, was man alles aus Kork machen kann – inklusive atmungsaktive Korkhüte. Eigentlich eine gute Idee für Wanderer!

Glücklich werden hier auch die Hobbybotaniker. Auf unserem Weg entlang der Dünenklippen begleitet uns eine berauschende Vielfalt an Blumen und Pflanzen in vielen Farben.

Ihr leuchtendes Gelb und Blau findet sich wieder in den lebensfroh gelb und blau umrahmten Fenstern und Türen der weißgekalkten typischen Landhäuser, wo wir übernachten. Vielleicht erspähen wir die “Endemiker”, die es nur hier gibt, nirgendwo anders auf der Welt.

Apropos: dieser Küstenstrich ist weltweit der einzige Ort, wo Weißstörche ihre Nester auf den Klippen bauen. In mir steigt eine Erinnerung an erste Alentejobesuche auf, als ich mich fragte, ob das Tourismusamt wohl die Storchennester auf Strommasten und Schornsteine gepflanzt hat…?

Der Volksmund, vielleicht erinnern Sie sich, nennt den Storch “Adebar”: “Glücksbringer”.

Die Rota Vicentina ist ein Fest fürs Auge und ein Erlebnis für die Nase. In der Luft schwingt das harzige Aroma der Zistrose und der würzige Duft von Schirmpinien und Kräutern – Oregano und Polei-Minze – die wir dann abends auf unseren Tellern wiederfinden.

Das belebende Aroma, der “Geschmack” fast des Meeres, das die Portugiesen “maresia” nennen, ist unser ständiger Begleiter auf dem Fischerpfad.

Und von unserem sicheren Picknickplatz aus können wir den Fischern mit ihren gegerbten Gesichtern zusehen, wie sie sich weit, weit vorwagen, um ihr Abendessen zu fangen. Wie sie es seit Jahrzehnten machen, seit Jahrhunderten.

Die restlichen Portugiesen respektieren diese gelebten Traditionen der Alentejaner, spüren eine gewisse Sehnsucht, saudade, nach dieser ruhigen Lebenskunst in und mit der Landschaft.

Mit Stolz sprechen die Portugiesen von ihren alentejanischen Wurzeln, so sie welche haben. Das hält sie nicht davon ab, Witze über sie zu reißen, über den “Alentejaaaaano”-Akzent und ihre legendäre Langsamkeit: “Wie nennen Alentejaner die Schnecken?” “Rastlose Tiere”…

Hier hat man noch Zeit, für uns als Besucher ist das schön. Ja, diese Küste macht glücklich …

Ich freue mich darauf Sie bei unseren Entdeckungen zu begleiten.

Ihre Kathleen Becker